Garderobe

Installation im Rahmen der Ausstellung

Public Library
9. September – 13. Oktober 2016
20 künstlerische Interventionen in der Amerika Gedenkbibliothek, Berlin.
Beteiligte Künstler und Künstlerinnen:
Bettina Allamoda • Arnold Dreyblatt • Eckhard Etzold • Nina Fischer / Maroan El Sani  Adib Fricke • Kurt Grunow / Harry Walter • Katharina Hohmann • Christiane ten Hoevel  Kirsten Johannsen • Marine Kaiser • Stefan Krüskemper • Juliane Laitzsch  Seraphina Lenz •  Michaela Nasoetion • Inken Reinert • Roman Signer • Eva-Maria Schön • Ambroise Tièche • Stella Veciana • Ella Ziegler

Geht man einmal um das schmale Bibliotheksgebäude herum, gelangt man zum etwas versteckten Eingang der Kinder- und Jugendbibliothek. Statt bunter Jacken, Turnbeutel und Schulranzen hängt nun ein vielteiliges Dickicht aus Metallbuchstaben auf den fest installierten Garderobehaken. Wo im Foyer der AGB das berühmte Jefferson-Zitat als Metallintarsie in Steinplatten gesetzt ist, finden sich Kinder und Jugendliche mit einem Kauderwelsch konfrontiert — ein wunderschönes Wort übrigens, dessen etymologische Herkunft nicht genau geklärt ist. »Verworrene Sprechweise« oder »unverständliche Sprache« scheinen als Übersetzung naheliegend. 

Bei näherem Hinsehen jedoch schält sich — vielleicht — ein Satz aus dem Liniengewirr: ICH HABE MIR DAS PARADIES IMMER ALS EINE ART BIBLIOTHEK VORGESTELLT. 

Jorge Luis Borges, der dies schrieb, lebte in der Welt der Bücher, in der Unendlichkeit des Textuniversums, träumte in ihr, fiktionalisierte und erspann die Welt in Gedachtem und Geschriebenem neu. Weit über die eigentliche Bibliothek hinaus war ihm die ganze Welt eine Bibliothek. Selbst erblindend las er, gerade Bibliotheksdirektor in Buenos Aires geworden, noch in ihr. Von seinem ersten literarischen Preisgeld machte Borges nicht etwa eine Reise, sondern kaufte sich eine »Encyclopaedia Britannica«, die er zeitlebens benutzte. Seine eigentliche Form des Reisens durch die Welt war eine Reise durch die Bücher. 1986 starb er in Genf, wo Katharina Hohmann heute lebt. 

Etwas von seiner Weise des In-die-Welt-Schauens versucht die Künstlerin in ihrer Installation in die Bibliothek zu transponieren. Ihr filigraner Text aus gebogenem Rundstahl hängt — dekonstruiert — als Hommage an den blinden Bibliotheksdirektor in der heute größten öffentlichen Bibliothek Deutschlands, die über das Konzept der »Public Library« Wissen — und im Sinne Borges' damit Welten und zugleich das Paradies — allen zugänglich machen will. 

Christiane ten Hoevel, 2016

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