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Schloß Ettersburg

Eine Reihe von fortlaufenden Installationen am Schloß Ettersburg, zwischen Herbst 2003 und Sommer 2004.

 

Katharina Hohmanns Antwort auf diese Fragestellung erscheint, wenn man sie in Worte fasst, als die einfachste – die Umsetzung der Grundidee erfolgte jedoch in einer Fülle von Interventionen, die die Künstlerin mit Phantasie, Präzision und einer Liebe zum Detail umsetzte, dass ihr zehnmonatiger Arbeitseinsatz ein so komplexes Ergebnis hervorbrachte, das allein mehrere Kataloge füllen könnte. Hohmann studierte minuziös die Geschichten der beiden Ausstellungsorte, des verlassenen Schlosses Ettersburg bei Weimar und der ehemaligen Kirche San Paolo in Modena, und belebte beide Orten mit den jeweils eigenen Geschichten, die sie aufgriff, rekonstruierte und in die Gegenwart fortsetzte.

In Weimar wurde das in den kühlen Monaten für Besucher nicht zugängliche Schloss zunächst alle vier Wochen durch mehr oder weniger dezente Eingriffe wie eine übergroße Plastik für den Außenbetrachter verändert: Ob hinter den Fensterscheiben Lichterketten hingen oder alle Fenster durch mit Jagdmotiven dekorierte Holzplatten verbarrikadiert wurden, ob auf dem Dach plötzlich wieder eine Fahne wehte, die aber die ganz unheraldische Aufschrift „Zeit“ bzw. auf der Rückseite „Speicher“ trug, oder ob im hinter dem Schloss liegenden Pücklerschlag ein Feuerwerk gezündet wurde: Das Gebäude wirkte wie eine große Skulptur, die immer wieder in einen anderen erzählerischen Kontext gestellt wurde: Hohmann versuchte nicht, das Alte wiederherzustellen, sondern knüpfte an die Geschichte(n) Ettersburgs an. Die Lichterketten erschienen als eine Fortsetzung seiner Nutzung als Altersheim in den 60er und 70er Jahren, entsprachen aber durchaus dem heutigen bürgerlichen Geschmack. Die Jagdmotive(n) auf den Fensterverkleidungen entstammten einem kolorierten Kupferstich zur Jagd, die Napoleon auf dem Schlossgelände 1806 mit Europas Fürsten und dem russischen Zaren veranstaltet hatte – die Idee, die Fenster damit zu verbarrikadieren entsprang aber der Tatsache, dass ohnehin eine große Zahl der Fenster dieser Schlossbaustelle wegen fehlender Scheiben mit Holzplatten gesichert waren. Die Flagge gemahnte zugleich an die fürstliche Herrschaft wie an die Hermann-Lietz-Schulzeit – sie wies aber keine heraldischen Bezüge zu diesen Epochen auf sondern, sondern regte zum Nachdenken über dieses verlassene Kulturdenkmal als „Zeitspeicher“ an. Die „neun Monate des Hauses E.“ jene Serie von Interventionen Hohmanns, die der eigentlichen Ausstellungen vorangingen, sind durch einen Leporello dokumentiert, der das Schloss aus dem immer selben Blickwinkel in seinen verschiedenen Gestaltungen darstellt.

Zur Sommerausstellung gab Hohmann dem Ettersburger Schloss von außen den Anschein, als sei es – in Fortsetzung seiner Nutzung als Altersheim- nun in die Hände des sozialen Wohnungsbaus gefallen: Vorhänge verschiedensten Geschmacks, Beleuchtungen und Blumenkästen, Kakteen in den Nischen und ein Klingelschild mit Namen von Zuwanderern aus dem Osten verwandelten das Schloss in einen profanen Bau - der aber endlich wieder zum Leben erwacht erschien. Sobald man jedoch die Türschwelle überschritten und sich in Richtung des Treppenhauses gewandt hatte, betrat man eine museale Welt: ein roter Läufer und in Messing gefasste Posamente leiteten den Schritt der Besucher in die von der Künstlerin gestalteten Räume. Dass es dabei vorbei ging an putzlosen Mauern, fehlenden Fußbodenbalken, zerschlagenen Fenstern, morschen Türen und Löchern in den Wänden, ließ die Vielfalt der unrealisierten Möglichkeiten dieses einstig architektonischen Juwels nur noch deutlicher aufscheinen: Hinter Trümmern schimmerten nun barocke goldgefasste Spiegel dekoriert mit farbenfrohen Blumensträußen, wo eine leise Stimme im Hintergrund Hans Christian Andersens Märchen vom standhaften Zinnsoldaten erzählte und der aufmerksame Besucher zwischen den Scherenschnitten alla Andersen auch den Protagonisten, den (echten?) Zinnsoldaten auf einem Bein entdecken konnte.

Das möglicherweise ehemalige Schlafzimmer der Fürstensprösslinge war mit schmucken Biedermeiermöbeln und den Accessoires eines heutigen Teenagers in die Gegenwart gerückt – in eine Gegenwart, die den Verfall der Nebenräume nicht verdeckte. Auf dem obligatorischen Fernseher des Mädchenzimmers sah man einen Videoclip besonderer Art: Junge Frauen unterschiedlichster Herkunft beseitigten singend den Ettersburger Fensterschmutz von 40 Jahren – in einem Endlosloop.
Im Gegenstück, dem Herrenzimmer, holzgetäfelt mit Jagdmotiven, Rauchzeug und Cognac, Hirschgeweihen und Napoleons kleiner Jagd als Schmuck, schienen sich erneut die Ettersburger Schützen, deren Clubhaus sich ganz in der Nähe befindet, zu treffen.

 
Auch in Katharina Hohmanns Schillerscher Schreibstube schien die Zeit nicht stehen geblieben zu sein: Offenbar angeregt von der Hausräumung, beschrieben im letzten Akt der „Maria Stuart“, den er im Ettersburger Schloss verfasste, schien sich der Schriftsteller in einen Immobilienmakler verwandelt zu haben. Der edle Sekretär übersät von Verkaufsanzeigen, an den Wänden Fotos des Schlosses, die sein Potential verdeutlichten: Aufnahmen eines barocken Festes im Weißen Saal, aber auch eine Außenaufnahme desselben mit Verkaufsschildern doppeldeutiger Ironie in den Fenstern: To sell! A vendre! Zu verkaufen!

 
Im Weißen Saal hingegen herrschte Stille. Leise schwankten nur die Leuchter an der Decke, sich melancholisch wiegend in der Erinnerung an die Feste vergangener Tage

 

Text: Julia Draganovic


Chiesa di San Paolo Modena

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