HOTEL VAN DE VELDE




Wohnutopien versus Überwachungsstrategien.
Translokationen versus Stillstand/Leerstand.
Expeditionen versus politische Raumkontrolle.

Ein ortsbezogenes Ausstellungsprojekt mit Installationen zeitgenössischer Kunst und Architektur im ehemaligen Palais Dürckheim, Weimar.

Kuratiert von: Heike Hanada und Katharina Hohmann

Mit Texten von: Dr. Katrin Greiser, Dr. Thomas Föhl, Peter Ottmann/Stephan Dietrich, Thomas von Taschitzki, Dr. Andrea Herz, Katharina Hohmann und Heike Hanada u.a.
28,0 x 18,5 cm quer, ca. 100 Seiten, viele Abbildungen.

Das Buch erscheint im Max Stein Verlag, Weimar.

Beteiligte Künstler/innen: Geka Heinke (Berlin), Roland Boden (Berlin), Ingrid Mostrey (Berlin), Leonie Weber (Karlsruhe), Achim Kobe (Berlin), Inken Reinert (Berlin), Martina Geccelli (London), Oliver Zwink (Berlin), Daniel Guischard (Weimar), Axel Lieber (Malmö), Katharina Hohmann (Weimar), Heike Hanada (Weimar), Thomas Köner (Marseille), Isa Melsheimer (Berlin), Tea Mäkipää (Weimar), Liz Bachhuber (Weimar), Volker Andresen (Berlin), Karo Kollwitz (Weimar), Steffen Gross (Weimar).

Eröffnung: Donnerstag, den 29. März 2007 um 19 Uhr

Öffnungszeiten: Do - So 16 Uhr bis 20 Uhr, feiertags geöffnet
30. März bis 15. April 2007

Ort: Villa Dürckheim Cranachstr. 47, Weimar

Im Zentrum des Ausstellungsprojektes Hotel van de Velde, steht die künstlerische Auseinandersetzung mit der seit längerem leer stehenden Villa Dürckheim in Weimar, einem spezifischen Ort und seinen historischen Schichten. Das Gebäude wurde 1912/13 nach Entwürfen Henry van de Veldes erbaut und in den Dreißiger Jahren im Stil des Faschismus erweitert. Nach über 80 Jahren funktionsfremder Nutzung wie Verwaltung, Militär oder Staatssicherheit der DDR, wird die Villa Dürckheim in Kürze zu Wohnzwecken durch die heutigen Besitzer, die Architekten Ottmann/Dietrich rückgeführt werden.
Diese Zeit des Übergangs nehmen wir zum Anlass, die lange Abgeschlossenheit des Gebäudes mittels einer Ausstellung mit 19 zeitgenössischen Künstlern zu reflektieren. Die assoziativen Schlaglichter des Untertitels: Wohnutopien versus Überwachungs-strategien. Translokationen versus Stillstand/Leerstand. Expeditionen versus politische Raumkontrolle. geben Lese- bzw. Sehrichtungen an, mit denen die eingeladenen Künstler/innen in eine je individuelle Auseinandersetzung mit diesem aufgeladenen Ort getreten sind. Fast alle der Künstler/innen aus Weimar, Berlin, Karlsruhe, London, Malmö und Marseille, haben ortsbezogene Arbeiten entwickelt, die explizit mit dem Gebäude, seiner hybriden Architektur, seinen inhaltlichen wie politischen Bezügen, oder seinen räumlichen Qualitäten, positiven wie negativen, zu tun haben. Geschichte wird aus künstlerischer Perspektive nicht so sehr als linearer Prozess begriffen, sondern vielmehr als ein vertiefendes Vorwärts- und Rückwärtsblenden einzelner Momentaufnahmen. So entwickeln die Künstler/innen mittels der Medien Malerei, Zeichnung, Ton- und Videoinstallation bzw. Objektkunst, Skulptur und Rauminstallation subjektive Situationen, die eng verbunden sind mit der vorgefundenen Situation. Dies geschieht auf sehr unterschiedliche Weise:



Geka Heinke

Geka Heinke beschäftigt sich mit dem zentralen Ort des gesellschaftlichen Lebens, dem großen Salon, in dem sich die Upper Class Weimars bis in die 20er Jahre hinein getroffen hat. Das Würfelparkett, zentrales und heute noch erhaltenes gestalterisches Motiv des Raumes, wird von Heinke auf Bilder übertragen, die, Formatgetreu im selben Raum an entsprechenden Wandflächen hängen, an denen ehedem Ölgemälde der Impressionisten hingen. Die Präzision des sich wiederholenden Musters bildet eine abstrakte Struktur und suggeriert eine räumliche Dimension, die gleichzeitig die Erzeugung der perspektivischen Wahrnehmung hinterfragt.


Ingrid Mostrey

Ingrid Mostrey interessiert die ehedem großzügige räumliche Anlage der Villa, nämlich der, im originalen Grundriß, Verbund aus gleichwertig gedachten Räumen, die in der Belle Étage wie in einem Rundgang fließend ineinander übergingen. Dieser heute mehrfach veränderten Konzeption des Gebäudes widmet Mostrey eine mehrteilige Installation im ehemaligen Esszimmer.


Inken Reinert

Inken Reinert ist im angrenzenden Boudoir/Lesezimmer mit einer um-fassenden Rauminstallation vertreten. Sie vertäfelt dieses zum Park gelegene Zimmer komplett mit zerlegten Schrankwänden Marke DDR. Eine spielerische Reminiszenz an die warmen van de Veldeschen Wandverkleidungen und gestalterische Gesamtkonzeptionen mit industriell vorgefertigtem Material. Sie benutzt seriengefertigte Schrankwandelemente als Module, um sie, aus ihrer ursprünglichen Umgebung isoliert, in Raum auflösende For-mationen zu transformieren.


Achim Kobe

Auch Achim Kobe beschäftigt sich mit dem Van de Veldeschen Interieur indem er eine verbaute Raumsituation - nämlich genau die Stelle, an welcher der Übergang von feudalem Wohnraum zu faschistischem Verwaltungsbau markiert ist - als Untergrund für eine großformatige, dynamische Wandarbeit wählt.


Katharina Hohmann

Katharina Hohmann bringt einen großen skulpturalen Leuchter zum Schwin-gen. Die Kugeln, eine bunte Mischung aus etwa 70 Glasleuchterkugeln, schlagen immer wieder zusammen und beschreiben akustisch einen architektonischen Härtefall: zwischen Repräsentation und Wohnstubenbanalität. Lampen gehören meist zu den letzten Dingen, die in verlassenen Häusern noch zu finden sind. Zu den übrig gebliebenen Lampen der Villa Dürckheim, die meisten aus DDR-Zeiten, gesellt sich dieses hybrides Leuchtobjekt hinzu.

 

Roland Boden ruft in einem Animationsfilm, zu sehen durch eine Türspion, die Vision hervor, der Betrachter selbst würde sich durch endlose Gänge und leere Räume bewegen. Diese suggestive Videoarbeit wird in einem der langen Flure des Verwaltungs-gebäudes, dem Anbau aus den 30er Jahren gezeigt. Raumassoziationen verschmelzen mit der Realität der umgebenden Architektur.


Leonie Weber hat in vier Räumen des Gebäudes Filmszenen nach vier eigens für den Ort geschriebenen Szenen gedreht. Dazu hat sie einzelne Räume als Wohnräume reinszeniert (Schlafzimmer, Kinderzimmer, Jugendzimmer), in denen es zu privaten Be-gegnungen kommt, wie sie so in diesem Gebäude wohl nie stattgefunden haben.


Martina Geccelli, Fotografin aus London, wird zwei abstrakte Fotoserien zeigen, die sich primär mit dem zeitlich Vorübergehenden beschäftigen, das heißt: Umzüge, Verwandlung, Einpacken-Auspacken. Diese vieldeutigen Fotografien markieren das Phäno-men des Unbeständigen, das diesem Haus eingeschrieben zu sein scheint.


Oliver Zwink

Oliver Zwink wird in seiner, viele Räume und Flure einschließenden Installation, über 40 000 DIN-A-4 Blätter, in einer visuell beeindruckenden Rauminstallation auslegen. Die Absurdität der Verwaltung von Wissen über Privatmenschen (das Haus war über 20 Jahre lang Stasi Zentrale in Weimar) wird in dieser leichten wie gleichzeitig opulenten Arbeit visuell vergegenwärtigt.


Daniel Guischard

Auch Daniel Guischard spielt mit dem Blick. Die Kontrolle Anderer diesmal andersherum, nämlich von außen nach innen, also von der Cranachstrasse aus in einen der ehemaligen Büroräume erfolgt via Annäherung über einen in den Außenraum gebauten Steg, der zu den Öffnungszeiten der Ausstellung begehbar sein wird. Diese merkwürdige Hilfskonstruktion, oszilliert zwischen Provisorium einer Baustelle und Aussichtsplattform. Der Blick in das Gebäude spielt mit einer bewussten Inszenierung von Voyeurismus.


Heike Hanada

Heike Hanada reflektiert in ihrer Arbeit den scheinbar symmetrisch auf-gebauten Eingangsbereich. Der schwer mit Marmor verkleidete Garderobenraum wird mittels einem gefaltetem Papierrelief (Registerpapier aus DDR- Beständen) zu einem Ort, der zwischen Schwere, Leichtigkeit, Ordnung und freier Abstraktion hin und her oszilliert. Der ehemalige Pförtnerraum hingegen notiert mittels photographischer Sequenzen kleine Störungen, fast unmerkliche Details der unmittelbaren Umgebung und historischer Außen-raumphotographien, die unseren fest gefügten Begriff von Geschichte, von Tatsache und Realität verrücken.


Axel Lieber

Axel Lieber aus Malmö installiert manipulierte Alltagsgegenstände und kleine Skulpturen in den Dürckheimschen Wohnräumen der zweiten Etage. Seine Installationen zeugen von der Unheimlichkeit des Alltäglichen, indem, er Dinge, die uns bekannt zu sein schienen in neue formale wie inhaltliche Zusammenhänge bringt. Mit großer künstlerischer Freiheit wie Originalität baut er Ensembles, die auf den ersten Blick wie Spielzimmer wirken können, jedoch auf den zweiten Blick meist eine gewisse Beunruhigung erzeugen.


Die preisgekrönte Videoarbeit: "Banlieue du vide", 2004, (Deutsch etwa: Randbezirk der Leere) von Thomas Köner zeigt mittels Überwachungskameras aufgenommene Straßensituationen, die in ihrer Banalität jedoch Rätsel aufgeben. Die langsame Über-blendung der Kameraeinstellungen macht das zeitliche wie das absurde Moment von Überwachung sichtbar und erfahrbar.


Isa Melsheimer, Künstlerin aus Berlin, zeigt eine Reihe von sieben klein-formatigen Gouachen. In diesen malerischen Papierarbeiten sieht man Räume deren Provenienz unklar bleibt. Überlagerungen verschiedener Stile und Raumsituationen, Attri-bute aus Repräsen-tationsräumen aber auch Tapeten, die an die psychedelischen 70er Jahre erinnern, ergeben eine Mischung, die mit dem Identitätswandel der Villa Dürckheim einher zu gehen scheint.


Tea Mäkipää

Tea Mäkipää lässt sich in ihrer subtilen Installation in den van de Veldeschen Vitrinen im Herrenzimmer, von der üblichen Praxis der Stasi inspirieren, Geruchsproben in Einweckgläsern zur Spurensicherung zu archivieren. Sie sammelt die Geruchsproben von Menschen und Tieren, die ihr nahe stehen und beschreibt diese Zusammenhänge mittels Diagramm an den weißen Wandflächen im Raum. Die Bespitzelung unserer Nächsten wird hier zum Geruchsparcours, eine ironisierende wie subjektive Annäherung.


Auch Liz Bachhuber beschäftigt sich mit den Nächsten. In ihrer unsicht-baren, interaktiven Toninstallation macht sie Interviews zugänglich und hörbar, die sie in den vergangenen Monaten in Weimar, Jena und Erfurt geführt hat. Zentrale Themen sind dabei Überwachung und Kontrollle, ganz dezidiert auch im Kontext mit der Stasizentrale in Weimar, also dem Gebäude der Ausstellung.


Steffen Groß zeigt seine Fotoserie Housing, 2007. Diese neunteilige Serie zeigt Einfamilienhäuser in einer Strasse, die überall sein könnte. Die Zentriertheit der Ge-bäude, ihre Abgeschlossenheit wie auch Exponiertheit, die merkwürdige Farbigkeit der Langzeitbelichtung der Häuser im Schnee gibt der fotografierten Situation eine hohe narra-tive Dichte. Eine fast neutrale Sicht auf das Dargestellte wird in den jeweils nach derselben konzeptuellen Vorgabe aufgenommenen Fotografien vermittelt. Dabei wählte Groß Motive des Wohnens, die gerade wegen ihrer Durchschnittlichkeit etwas Zeittypisches aussagen.

Karo Kollwitz wird zur Eröffnung und zur Finissage von Hotel van de Velde, am 29. März und am 15. April je zwei Feuer entfachen: eines im Park und eines im Salon. Mittels konstruiertem Betrachterstandort im Park, werden die Feuer, das archaische Draussen, das domestizierte Drinnen zu einem einzigen Feuer werden. Metaphorisch ge-sehen fragt dieses ephemere künstlerische Werk nach Architektur und ihren Konstituenten, sowie nach Lebensformen, damals, heute und morgen.


Volker Andresen, Bildender Künstler und Gärtner/Landschaftsplaner, be-schäftigt sich mit dem heute merkwürdig proportionierten Garten, ehemals Park des Gebäudes. In einem utopischen Gartenplan, präsentiert in einem Leuchtkasten, fragt er nach der Zukunft des Ortes und seiner Umgebung. In einer zweiten Arbeit installiert er im verwilderten, wie übersichtlichen Park etliche Maulwurfsscheuchen, die dazu gedacht sind, Maulwürfe zu vertreiben, bzw. das unsichtbare Leben nachhaltig zu beseitigen.           


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