Unruhe

Installation im Rahmen von "Mimikry", Kunstfest Weimar, 2003
11 Lampen aus DDDR-Zeiten, eingebaute Bewegungsmotoren
August und September 2003
Ort: Halle am Gauforum, Spielort des Kunstfestes 2003
Finanzielle Unterstützung: Bauhaus-Universität Weimar
Technische Unterstützung: Ali Pecker Jena

Unruhe
Text: Hellmut Seemann

Halle der Volksgemeinschaft, MZG (Mehrzweckgebäude), Atrium: drei Namen für ein und dasselbe Gebäude in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ein in jeder Hinsicht monströser Ort: maßlos, gestaltlos, orientierungslos. Ein Nicht-Ort (übrigens: die genaue Übersetzung von Utopie!) im Übergang zwischen Gegenwart und Zukunft. Ein Moratorium für die Kultur, für ein Kunstfest, für eine Verwandlung: Mimikry. Für wenige Wochen wird der Wirklichkeitssinn vom Möglichkeitssinn sozusagen überflügelt. Ein passagerer Zeitraum, auch ein Durchgangsraum, ein Foyer. Ein Raum für Katharina Hohmann.

Foyer heißt ursprünglich Feuerraum, Herd, Heim. Und eben dies geschieht: Katharina Hohmann zündet eine Lampe an. Aus einer sechsfach übereinander gestapelten Betonkonstruktion wird der stille Blick in eine kleinbürgerliche Wohnwelt. Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Und jedes ist anders. Schon beobachtet der Betrachter sich dabei, wie er die Stuben vergleicht, wo man, müsste man wählen, wohl am liebsten einzöge. Zugleich hält er für möglich, dass das Foyer gar nicht das Foyer, sondern bereits das Theater ist. Gleich werden sie herauskommen, die Sänger und Schauspieler, und ihre Vorstellung beginnen. Oder nein, denkt er, Tänzer werden erscheinen und einsam mit ihrer Lampe einen Pas de deux tanzen.

Diesen Gedanken sollte der Foyerbesucher indessen nicht denken, denn er könnte sich dabei erschrecken. Plötzlich nämlich tanzt eine der Lampen selbst, beginnt, wie ein kleiner aufgehängter Derwisch, sich im Kreis zu drehen. Das Feste wird fraglich. Wer schon einmal ein Erdbeben erlebte, kann nicht umhin, daran zu denken. Bevor die Erde zitterte, fing schon der Lichtkegel der Lampe an, im Raum zu tanzen. Dann wird es wieder ganz still, der Betrachter prüft innerlich die Stabilität der Anlage, die auf nichts so sehr angelegt ist, wie darauf, unzerstörbar zu wirken. Doch bevor er diesen Gedanken recht ins Bewusstsein holen kann, wird sein Auge von der Lampe dort oben links abgelenkt, die sich jetzt in Bewegung setzt. Ein Reigen beginnt, eine Choreographie der Seelen, die hier nie wohnten.

In einem gewissen Sinn ist die Strategie der Künstlerin die genau komplementäre zu der Rainer Maria Rilkes, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts in einer berühmten Passage seiner ‚Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge’ beschrieb, wie das Innere nach außen gewendet wird. Die Wände der Zimmer eines abgebrochenen Hauses stehen plötzlich als Außenwand und nackt vor dem Auge des Betrachters: „Das zähe Leben dieser Zimmer hatte sich nicht zertreten lassen. Es war noch da, es hielt sich an den Nägeln, die geblieben waren, es stand auf dem handbreiten Rest der Fußböden, es war unter den Ansätzen der Ecken, wo es noch ein klein wenig Innenraum gab, zusammengekrochen.“

Katharina Hohmann gibt einem Innenraum, in dem Leben nie nisten konnte und sollte, eine kleinbürgerliche Liebenswürdigkeit und Miefigkeit. Sie tut es ironisch, wenn ihre kreiselnden Lampen, wie die Hexe mit ihrem krummen Finger, uns heranlocken: Hallo, kommt herüber, hier ist Tanz und Ringelpiez, hier ist Wohlsein. Nein, hier war, ist und wird niemals Wohlsein sein. Hier lebt niemand mehr. Das sogenannte bürgerliche Leben hat hier keine Spuren hinterlassen. Es ist Stalker-Land, Waste Land, es ist ein Raum der Kunst. Und eben beginnt diese fette, absurd einem Diwankissen nachgebildete Leuchte unten rechts ihr kleines Solo.

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